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  • Es geht um ein neues Betriebssystem

    Die neue Berliner Stiftung beyond new – The Human Future Foundation will kein Weiter-so, sondern bislang ungedachte Zukünfte entwerfen – mit aussagekräftigen Szenarien und konkreten Pfaden vom Klimabauhaus bis zur Care-Ökonomie.

    von Fritz Lietsch, Chefredakteur von forum future economy

    Ausgangspunkt von beyond new ist eine klare Diagnose: Die Zivilisation, wie sie organisiert ist, läuft aus – ökologisch, sozial und kulturell. Die Gegenwart ist aus den Fugen – die Moderne stößt an ihre Grenzen. Die Gefahr: Wer im alten Trott weitermacht, vergrößert nur die Schäden. Genau hier setzt die Stiftung an: nicht bei der nächsten Effizienzformel, sondern bei der Frage, wie eine lebensdienliche Zivilisation jenseits des Weiter-so aussehen kann.

    „Es geht nicht um ein weiteres Upgrade, sondern um ein gänzlich neues Betriebssystem für das Zusammenleben unter planetaren Bedingungen“, sagt Mitgründer Prof. Dr. Stephan Rammler. Er gehört zu den profiliertesten Zukunftsforschern des Landes.

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  • Wege aus der Totalerschöpfung

    Unser individuelles Burnout ist auch ein Spiegel des planetaren Burnouts. Aber Resignation ist keine Option.

    Ein Essay von Dr. Ute Scheub

    Die Kraniche fielen wie Steine vom Himmel. Ende Oktober 2025 war im Fernsehen zu sehen, wie an Vogelgrippe erkrankte Tiere sich noch mit letzter Kraft bemühten, im herbstlichen Vogelzug über Norddeutschland mitzuhalten.

    Sie hatten all ihre bewundernswerte Grazie verloren, sie taumelten, schlugen hilflos mit den Flügeln, dann fielen sie tot auf die Erde. Tausende starben an einer Krankheit, die durch Menschenhand extrem verstärkt wurde.

    Massentierhalter sperren Tausende oder gar Zehntausende Hühnervögel zusammen in enge Ställe, wo sich dann Erreger ungestört verbreiten können und die Tiere dahinraffen. Die Abluft solcher Stätten ist oft virenverseucht, und so stecken sich auch Wildvögel an, die das Virus um die halbe Welt verbreiten; immer öfter werden sogar Säugetiere und Menschen befallen. Laut dem erwähnten TV-Bericht wurden eine halbe Million Hühner gekeult, inzwischen dürften es noch weit mehr sein. Aber der Reporter erwähnte nur die ökonomischen Verluste der Hühnerhalter. Wie mitleidlos berichten die Medien, wie herzlos reagiert die Gesellschaft! Es gab keine sichtbare Trauer um eine der anmutigsten Vogelarten der Welt. Und keinerlei Mahnungen, endlich die Massenquälhaltung von Nutztieren zu beenden. So etwas nicht mitzuformulieren, gilt als „journalistisch professionell“. Nach dem Motto: Bloß kein Emo-Gequatsche!

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  • Holz, Baby, Holz!

    An manchen Tagen spürt man die Heißzeit – das neue Normal – am ganzen Körper. Berlin erlebt solche Momente jeden Sommer. Die Stadt hat Fieber: Die Temperatur steigt langsam, schießt dann hoch, bleibt nachts auf ungesundem Niveau und sinkt nur zögerlich. Tropische Nächte sind keine Seltenheit mehr, sondern prägen den urbanen Sommer. Berlin muss Hitzeschutz, Wasserversorgung und städtische Lebensqualität gleichzeitig verbessern. Diese Entwicklung betrifft alle Städte in Deutschland.

    von Prof. Dr. Stephan Rammler

    Wer an einem heißen Juli-Nachmittag durch Berlin fährt, sieht zwei Realitäten. In Friedrichshain oder Neukölln speichert der Asphalt die Hitze wie ein Backsteinofen. Die Temperaturen bleiben nachts hoch, Schlaf wird zur Qual. Doch Orte wie der Treptower Park oder die Ufer des Tegeler Sees zeigen, wie ein paar Grad Unterschied spürbar sind. Bäume, Wasser und offene Böden kühlen die Umgebung messbar. Eine Baumkrone senkt die Temperatur lokal um bis zu sieben Grad, filtert Feinstaub, erhöht die Luftfeuchtigkeit, spendet Schatten und verhindert Hitzestaus. Trotzdem behandeln wir Stadtgrün oft nur als Dekoration.

    Tegeler See

    Der entscheidende Punkt ist simpel und radikal: Grün ist Infrastruktur – Schutzinfrastruktur. Deutschland hat beim Thema Klimaanpassung lange einen Denkfehler gepflegt. Die Erzählung lautete: Erst Klimaschutz, dann Anpassung. Doch die Erderwärmung schreitet so schnell voran, dass Anpassung längst zur Daseinsvorsorge gehört – nicht als Ergänzung, sondern als Kern.

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  • Wie wir lernen, unsere Vorstellungskraft radikal zu nutzen

    Peter Spiegel ist Zukunftsforscher und einer der profiliertesten Vordenker für Future Skills in Deutschland. Vom Aufbau des WeQ-Instituts bis zur School of Future Skills treibt ihn eine Frage an: Wie können Menschen lernen, ihre zutiefst menschlichen Fähigkeiten – Vorstellungskraft, Empathie, Teamgeist – systematisch zu trainieren? Im Gespräch erzählt er, warum Wissen längst nicht mehr der Engpass ist, was Kinder uns über Zukunftskompetenzen vormachen – und wieso die Idee, den Friedensnobelpreis an die Kinder der Welt zu vergeben, mehr ist als ein schönes Symbol.

    Ein Gespräch zwischen Eckard Christiani und Peter Spiegel

    Herr Spiegel, was genau verstehen Sie unter Future Skills?

    Future Skills sind – wörtlich übersetzt – schlicht Zukunftskompetenzen. Aber mit dem Begriff allein ist ja noch nichts gewonnen. Entscheidend ist: Was sind das für Fähigkeiten, die wir in Zukunft dringender brauchen als alles andere?

    Peter Spiegel

    Lange Zeit ging es in Bildung und Ausbildung vor allem um Wissen. In der Industrialisierung, als die Dampfmaschine und später die großen technischen Innovationen in die Welt kamen, war Wissensaneignung tatsächlich der Engpass. Deswegen haben wir Schulen und Universitäten so gebaut, wie wir sie kennen: Wissen pauken, abprüfen, wiederholen.

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  • Muster und Macht.

    Warum gerade jetzt die Weichen für Generationen gestellt werden

    Manche Zeiten verlangen viel von uns: Klarheit, Erkenntnis, Mut, Entschlossenheit. Die alten Griechen nannten solche Wendepunkte „Kairos-Momente“: Jene entscheidenden Augenblicke, die unverhofft wie ein Spalt im Gewebe der Zeit hervortreten – offen nur für einen Atemzug. Wer zögert, verpasst sie. Wir leben in einem solchen Kairos-Moment. Krisen verdichten sich, Gewissheiten bröckeln und Entscheidungen drängen. Jetzt entscheidet sich, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen – und ob es gelingt, Transformation konstruktiv zu gestalten.
    Der dritte Teil der Serie mit Eckard Christiani und Prof. Dr. Stephan Rammler widmet sich der Künstlichen Intelligenz: ihrem schnellen Vormarsch in alle Lebensbereiche – und den Fragen, wie wir sie demokratisch, gemeinwohlorientiert und europäisch souverän gestalten, damit Bildung, Arbeit, Wirtschaft und Demokratie gewinnen statt an Autonomie zu verlieren.

    Eine Serie von Eckard Christiani und Prof. Dr. Stephan Rammler in forum future economy. Teil 3 – erschien Dezember 2025

    Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt in zwei Geschwindigkeiten zugleich: sichtbar an der Oberfläche – und unbemerkt in der Tiefe. Ob Text, Bild, Code oder Planung: Algorithmen liefern in Sekunden, was früher Tage brauchte. Der eigentliche Umbruch geschieht aber dort, wo KI schrittweise Prozesse, Routinen und Bewertungsmaßstäbe formt: in Verwaltungen, Märkten, Medienlogiken, Schulen und Kliniken. Genau hier entscheidet sich, ob KI zum Werkzeug des Gemeinwohls wird – oder zum Hebel konzentrierter Macht.

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  • Goliaths Fluch

    Luke Kemp liefert in seinem neuen buch „Goliath’s Curse“ kein Endzeitdrama, sondern eine Anleitung für robuste Zivilisation: Herrschaft entsteht, wenn leicht greifbare Überschüsse – gestern Getreide, heute Daten – mit Statuswettbewerb und Institutionen zu Beutekartellen verschmelzen; daraus wachsen Ungleichheit und Fragilität. Kemp bündelt Archäologie, Anthropologie und Gegenwartsanalyse zu einem Zyklusmodell bis ins Plattformzeitalter. Die Konsequenz für Nachhaltigkeit: Zugriffe begrenzen, Überschüsse entwaffnen, Statuswettbewerb zivilisieren und Institutionen polyzentrisch stärken. Nicht Moralappelle, sondern Regeln, Infrastrukturen und Anreize, die Kooperation lohnend machen und Missbrauch verteuern – innerhalb planetarer Grenzen. Darin liegt die pragmatische Hoffnung dieses Buches.

    Von Eckard Christiani und Kai Lindemann

    Kemp beginnt nicht bei Königen, sondern bei Dingen, die sich zählen, lagern und besteuern lassen: zunächst Getreide, später Metalle. Bevor der Mensch sesshaft wurde, zog er mit Nahrung und Herden weiter. Es gab kaum Vorräte, die lange an einem Ort lagen. Nichts ließ sich dauerhaft greifen – weder für Räuber noch für Herrscher. Mit der Entstehung von Ackerbau und Dörfern änderte sich das Prinzip: Man erntete viel auf einmal, lagerte Getreide in Speichern und baute Überschüsse auf. Das ist bequem – macht aber auch erpressbar. Wer den Speicher kontrolliert, kontrolliert die Menschen: Er kann zählen, fordern und entziehen.

    Lese-Tipp: Luke Kemp, Goliath’s curse, The history and future of societal collapse, London 2025; Penguin

    An diesem Punkt entstehen Apparate des Zugriffs. Zuerst die Verwaltung: Jemand misst, wiegt und schreibt Listen. Wer hat wie viel, wer schuldet was? Darauf folgt die Erzählung, die rechtfertigt: Priester, Traditionen oder Gesetze, die erklären, warum Abgaben „sein müssen“. Schließlich die Durchsetzung: Wachen, Strafen und Armeen, die dafür sorgen, dass Regeln nicht bloße Worte sind. Aus Zählen, Begründen und Erzwingen wird eine Infrastruktur der Macht. Genau dieses Bündel nennt Kemp „Goliath“ – kein Schurkenstaat, sondern ein wiedererkennbares Geflecht aus Listen, Legenden und Lanzen.

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  • beyond climate change Klimafuturologie & Eurotopia

    Wie Europa in der Heißzeit zum Reallabor der Resilienz werden kann

    Die Heißzeit kommt – ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nicht mehr, ob wir die Erderwärmung komplett verhindern, sondern wie wir in einer heißeren, verletzlicheren Welt zivilisiert leben können. Genau hier setzt unser Signature Theme beyond climate change von beyond new an: Wir entwerfen ein Zukunftsbild Europas, das der Härte der kommenden Jahrzehnte ins Auge sieht – und trotzdem Räume für Würde, Freiheit und ein gutes Leben eröffnet.

    von beyond ne

    Worum es geht – und warum jetzt

    Wir leben in einer Epoche, in der sich die Referenzwerte unseres Lebens verschieben: Hitzesommer, die früher „Jahrhundertereignisse“ hießen, werden zur Normalität. Fluten, Dürren, Ernteausfälle, Migrationsbewegungen und geopolitische Spannungen greifen ineinander. Die Klimaerwärmung ist dabei nicht mehr nur eine Krise unter vielen, sondern die Leitkrise einer planetaren Polykrise: Sie verschärft fast alle anderen Konflikte – von Ressourcenknappheit über Sicherheitsfragen bis zu Demokratiekrisen.

    Gleichzeitig bleibt Europa eine der wenigen Weltregionen, in der demokratische Institutionen, wissenschaftliche Innovationskraft, Wohlstand und eine pluralistische Kultur noch zusammenkommen. Genau deshalb ist Europa prädestiniert für eine doppelte Rolle:

    • als Reallabor der Klimaanpassung, in dem wir ausprobieren, wie eine klimaresiliente Zivilisation funktionieren kann,
    • und als Schutzraum für Aufklärung, Menschenrechte und demokratische Kultur in einer härter werdenden Welt.

    beyond climate change fragt: Wie sieht ein Europa aus, das in der Heißzeit nicht nur überlebt, sondern ein neues Modell von Resilienz und Kooperation entwickelt?

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  • Wenn das Meer kippt

    Sven Plöger über die Erwärmung der Ozeane, Wasserknappheit und wirtschaftlichen Auswirkungen

    Nie zuvor haben sich die Weltmeere so schnell erwärmt wie seit 2023. Der Meteorologe und ARD-Moderator Sven Plöger war auf Forschungsreisen in Panama, im ewigen Eis Grönlands und ist gerade im Mittelmeerraum unterwegs. Seine Beobachtungen zeigen, wie eng das Klima und die Stabilität der Weltwirtschaft miteinander verflochten sind.

    von Eckard Christiani

    Als Meteorologe kennt Sven Plöger die Daten. Doch manchmal sind es nicht die Zahlen, die ihn am meisten bewegen, sondern das, was er mit eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört. Etwa wenn in Grönland ein Gletscher kalbt – und das Geräusch so gewaltig ist, dass man es in keiner Fernsehsendung angemessen wiedergeben kann. „Ich stand auf dem Eis, umgeben von Hunderten Kilometern gefrorenem Wasser – und wusste: 29 Millionen Tonnen Eis verlieren wir – pro Stunde. Das sind Dimensionen, die kaum zu begreifen sind.“

    Sven Plöger, © Maike Simon

    Oder wenn er über dem Urwald von Panama schwebt und inmitten tropischer Pflanzen plötzlich versteht, was „Stress“ für ein Ökosystem wirklich bedeutet. „Es ist ein Unterschied, ob man etwas liest – oder mitten in der Landschaft steht“, sagt Plöger. In Panama beeindruckte ihn besonders das direkte Nebeneinander von Urwald, Millionenstadt und Weltwirtschaft. Der Panama-Kanal, zentrales Nadelöhr des globalen Handels, war wiederholt eingeschränkt – nicht wegen Technik, sondern wegen Wassermangel. „Vor dem Kanal stauten sich Frachtschiffe, weil sie nicht einfahren konnten“, erzählt er. „Der Gatúnsee, der den Kanal mit Süßwasser speist, konnte nicht mehr ausreichend Süßwasser zur Verfügung stellen.“ Verstärkt wurde das Problem durch den menschengemachten Klimawandel und den aktuellen El-Niño-Zyklus. Da der Kanal kein Salzwasser aufnehmen kann – es würde das Ökosystem und die Schleusenmechanik beschädigen –, ist er vollständig auf Süßwasser angewiesen.

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  • Trauma & Transformation: Die Fellow-Gruppe startet

    Warum wir erst heilen müssen, damit Wandel tragen kann – und wie wir das praktisch angehen.

    Manchmal fehlen in Debatten keine Argumente, sondern ein Boden, auf dem Argumente überhaupt wurzeln können. Genau dort setzt unsere neue Fellow-Gruppe beyond trauma an. Sie untersucht, wie individuelle und kollektive Verletzungen gesellschaftliche Veränderung bremsen – und wie sich Räume, Regeln und Rituale bauen lassen, die wieder Urteils-, Empathie- und Konfliktfähigkeit ermöglichen.

    von beyond new

    Worum es geht – und warum jetzt

    Wir leben in einer dichten Gegenwart: Krieg, Klimastress, Migration, digitale Beschleunigung, Ungleichheit. Diese Krisen schichten sich zur „Trauma-Matrix“: Verletzungen lagern sich in Körpern, Beziehungen, Debatten oder Institutionen ab – und erklären, warum Gesellschaften trotz Wissen und Technik immer wieder am gleichen Bremspunkt stehen.

    Unsere Grundannahme: Nicht Informationsmangel, sondern unverarbeitete Verletzung erzeugt einen Teil der kollektiven Handlungsunfähigkeit. Also braucht Transformation Räume, Rituale und Regeln, die Sicherheit, Gesehenwerden und Zugehörigkeit ermöglichen – bevor große Veränderungen greifen können.

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  • „Wir stehen an der Schwelle der ersten Kipppunkte“

    Die DMG und DPG warnen vor plus drei Grad bis 2050 als Worst Case. Was das wirklich bedeutet, welche Kippelemente jetzt in Reichweite sind – und wie positive Kipppunkte in Energie, Mobilität und Wärme zum Selbstläufer werden.

    Drei Grad bis zur Mitte des Jahrhunderts: lange galt das als eher theoretische Möglichkeit. Jetzt warnen Meteorologinnen und Physiker gemeinsam, dass dieser Pfad unter gebündelt ungünstigen Annahmen erreichbar ist. Zugleich zeigen Daten: Erneuerbare wachsen so stark, dass sie den Mehrbedarf teils übertreffen – die Chance, fossile Kapazitäten tatsächlich zurückzubauen, ist real.

    Eisschilde, Meereszirkulation und Korallenriffe reagieren träge, aber konsequent – genau deshalb zählt jede vermiedene Tonne doppelt. Und genau deshalb lohnt auch der Blick auf positive Kippschwellen: Solar, Batterien und Wärmepumpen können in die S-Kurve kippen, wenn Politik Parität, Mandate und Marktzugang klug verzahnen würde.
    Über genau diese Risiken und Chancen haben wir mit
    Benjamin von Brackel gesprochen. Er hat soeben mit Toralf Staud das Buch „Am Kipppunkt“ veröffentlicht – ein Buch, das die harte Physik hinter den Kipppunkten verständlich macht und zugleich ein sehr praktisches Playbook liefert, wie positive Kippschwellen in Technik, Wirtschaft und Gesellschaft gezielt gezündet werden könnten.

    von Eckard Christiani

    Benjamin, Ende September haben die DMG und die DPG gewarnt: Im Worst Case könnten wir schon bis 2050 bei plus drei Grad landen. „Wir fliegen aus der Klimakurve“, sagte Frank Böttcher. Mir ist wichtig, dass unsere Leser:innen das richtig einordnen: Es geht nicht um das wahrscheinlichste Szenario, sondern um einen Risikokorridor. Als Faustregel: Um von heute grob plus 1,5 Grad auf drei Grad zu kommen, bräuchten wir in weniger als 25 Jahren rund 1,5 Grad zusätzliche Erwärmung. Das entspräche etwa 0,07 Grad pro Jahr – oder rund 0,6 Grad pro Dekade – also mehr als doppelt so schnell wie der derzeitige Trend. Wie siehst du das? Und was hieße plus drei Grad ganz praktisch?

    Um bei einer Erwärmung von drei Grad bis 2050 herauszukommen, müsste schon ein ganzes Bündel an unglücklichen Faktoren zusammenkommen. Heißt: Die Erde reagiert am oberen Rand der Schätzungen auf CO₂, Wolken verstärken die Erwärmung stärker als gedacht, der kühlende Effekt mancher Luftschadstoffe fällt schneller weg, die Emissionen bleiben hoch – und obendrauf kommen natürliche Schubser wie ein starker El Niño. Wenn sich vieles davon überlagert, wird die Kurve vorübergehend steiler. Das ist nicht die angenommene Basislinie, aber es ist ein reales Risiko.

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