Kategorie: zivilisation

  • Malefizsteine verstellen den Blick

    Was beyond sein könnte – und warum Europa es noch nicht sieht

    Essay von Eckard Christiani & Dirk Meyer

    Malefiz kennen alle: Wer in diesem Brettspiel zuerst ans Ziel will, muss die weißen Blockadesteinchen der anderen aus dem Weg räumen. Der Name kommt vom Lateinischen maleficus – boshaft. Europas Spielfeld ist derzeit voller Blockadesteinchen.

    Deutsches Brettspiel MALEFIZ, Foto: Adobe Stock

    Multiple Krisen verstellen nicht nur den Weg, sondern auch den Blick auf das Ziel. Die einschneidendste dieser Krisen ist die Klimakrise, deren Folgen alle Politikfelder durchdringen. Die These dieses Essays lautet:

    Europas Antwort auf seine vielfältigen Probleme ist Europa selbst. Zugleich läuft es Gefahr, die richtigen Wege zum Ziel nicht zu finden – und sich in den verschiedenen Blockaden zu verlieren, die von innen wie von außen aufgestellt werden. Die Antwort liegt „beyond“ – weit jenseits dessen, was Europa bisher als Antworten gab. In diesen Monaten werden die Weichen gestellt: Wird Europa ein Gravitationszentrum der Hoffnung? Oder sucht es sich eine Ecke im Raubtierkäfig?

    Erscheinungsebene und systemische Krisenstrukturen

    Oberflächlich betrachtet ist Europa „über Nacht“ in eine multiple Krise geraten. Als Auslöser gelten der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 und der Kollaps der regelbasierten internationalen Ordnung seit dem zweiten Regierungsantritt Donald Trumps 2025. Seither, so heißt es, gebe es erstmals wieder Krieg in Europa. Die nach 1945 etablierte multilaterale Ordnung sei am Ende. Und Europa sehe sich einer hybriden Kriegsführung ausgesetzt, deren trojanische Pferde – Ungarn, Tschechien, die Slowakei, bald vielleicht Frankreich und Polen – die EU von innen aufbrechen.

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  • 45 Grad Nord


    Wie Europa zum Reallabor einer neuen Klimazivilisation werden könnte 


    Essay: Eckard Christiani & Prof. Dr. Stephan Rammler 

    Die Klimakrise ist nicht mehr nur eine Frage der Physik. Die Zahlen sind eindeutig: Die letzten zehn Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2023 zeigt klar, dass die von uns Menschen verursachte Erwärmung das Klimasystem in einem Tempo destabilisiert, das außerhalb aller geologisch vergleichbaren Zeiträume liegt. Die 1,5-Grad-Marke über dem vorindustriellen Niveau wird – so die Projektion – in den frühen 2030er-Jahren überschritten, wenn die Emissionen nicht drastisch sinken. 

    Doch es geht um mehr als Temperaturkurven. Es geht darum, welche Zivilisation wir sein wollen – und ob wir uns selbst neu entwerfen können, bevor die Verhältnisse uns dazu zwingen. Dieser Essay versucht, diese Frage direkt anzugehen. Nicht als Apokalypse, nicht als Technikversprechen – sondern als Einladung, eine andere Zukunft ernsthaft zu denken. 

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  • Erste Dinge zuerst

    Über planetare Grenzen, moralischen Mut und die Kunst, sich eine bessere Zukunft vorzustellen

    Ein Essay von Eckard Christiani

    Ernest Shackleton, ein britischer Polarforscher, dessen Expedition ins antarktische Eis 1914 spektakulär scheiterte und dessen Männer er dennoch alle lebend nach Hause brachte, soll gesagt haben, Probleme seien am Ende nur Dinge, die man bewältigen müsse. Der Satz klingt lapidar. Er ist es aber nicht. Er ist monumentaler Pragmatismus — und er enthält, bei näherer Betrachtung, eine vollständige Philosophie des Handelns unter extremen Bedingungen. Shackleton wusste, dass Schiffe im Eis zerbrechen, dass seine Männer frieren, dass die wenigen Vorräte schwinden. Er wusste auch, dass Klagen die Situation nicht verändert. Also handelte er. Täglich. Konsequent. Mit Blick auf das, was möglich war — nicht auf das, was verloren gegangen war. Die Wissenschaft weiß seit einigen Jahren, was Shackleton intuitiv verstand: Nur wer sich eine gelingende Zukunft vorstellen kann, findet den Mut, sie zu bauen.

    Nimrod Expedition (left to right): Frank Wild, Ernest Shackleton, Eric Marshall and Jameson Adams, 1909, Adobe Stock

    Optimismus, verstanden auf seine Weise, ist keine naive Haltung. Er ist kein Wegschauen, kein Schönreden und kein Verweigern unangenehmer Wahrheiten. Dieser Optimismus ist moralischer Mut. Er ist die Entscheidung — und das ist eine Entscheidung — angesichts schwieriger Fakten nicht zu kapitulieren, sondern die Frage zu stellen: Was nun? Diese Frage ist der Ausgangspunkt aller Zivilisation. Sie ist auch der Ausgangspunkt dieses Essays.

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  • Es geht um ein neues Betriebssystem

    Die neue Berliner Stiftung beyond new – The Human Future Foundation will kein Weiter-so, sondern bislang ungedachte Zukünfte entwerfen – mit aussagekräftigen Szenarien und konkreten Pfaden vom Klimabauhaus bis zur Care-Ökonomie.

    von Fritz Lietsch, Chefredakteur von forum future economy

    Ausgangspunkt von beyond new ist eine klare Diagnose: Die Zivilisation, wie sie organisiert ist, läuft aus – ökologisch, sozial und kulturell. Die Gegenwart ist aus den Fugen – die Moderne stößt an ihre Grenzen. Die Gefahr: Wer im alten Trott weitermacht, vergrößert nur die Schäden. Genau hier setzt die Stiftung an: nicht bei der nächsten Effizienzformel, sondern bei der Frage, wie eine lebensdienliche Zivilisation jenseits des Weiter-so aussehen kann.

    „Es geht nicht um ein weiteres Upgrade, sondern um ein gänzlich neues Betriebssystem für das Zusammenleben unter planetaren Bedingungen“, sagt Mitgründer Prof. Dr. Stephan Rammler. Er gehört zu den profiliertesten Zukunftsforschern des Landes.

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  • Wege aus der Totalerschöpfung

    Unser individuelles Burnout ist auch ein Spiegel des planetaren Burnouts. Aber Resignation ist keine Option.

    Ein Essay von Dr. Ute Scheub

    Die Kraniche fielen wie Steine vom Himmel. Ende Oktober 2025 war im Fernsehen zu sehen, wie an Vogelgrippe erkrankte Tiere sich noch mit letzter Kraft bemühten, im herbstlichen Vogelzug über Norddeutschland mitzuhalten.

    Sie hatten all ihre bewundernswerte Grazie verloren, sie taumelten, schlugen hilflos mit den Flügeln, dann fielen sie tot auf die Erde. Tausende starben an einer Krankheit, die durch Menschenhand extrem verstärkt wurde.

    Massentierhalter sperren Tausende oder gar Zehntausende Hühnervögel zusammen in enge Ställe, wo sich dann Erreger ungestört verbreiten können und die Tiere dahinraffen. Die Abluft solcher Stätten ist oft virenverseucht, und so stecken sich auch Wildvögel an, die das Virus um die halbe Welt verbreiten; immer öfter werden sogar Säugetiere und Menschen befallen. Laut dem erwähnten TV-Bericht wurden eine halbe Million Hühner gekeult, inzwischen dürften es noch weit mehr sein. Aber der Reporter erwähnte nur die ökonomischen Verluste der Hühnerhalter. Wie mitleidlos berichten die Medien, wie herzlos reagiert die Gesellschaft! Es gab keine sichtbare Trauer um eine der anmutigsten Vogelarten der Welt. Und keinerlei Mahnungen, endlich die Massenquälhaltung von Nutztieren zu beenden. So etwas nicht mitzuformulieren, gilt als „journalistisch professionell“. Nach dem Motto: Bloß kein Emo-Gequatsche!

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  • Muster und Macht.

    Warum gerade jetzt die Weichen für Generationen gestellt werden

    Manche Zeiten verlangen viel von uns: Klarheit, Erkenntnis, Mut, Entschlossenheit. Die alten Griechen nannten solche Wendepunkte „Kairos-Momente“: Jene entscheidenden Augenblicke, die unverhofft wie ein Spalt im Gewebe der Zeit hervortreten – offen nur für einen Atemzug. Wer zögert, verpasst sie. Wir leben in einem solchen Kairos-Moment. Krisen verdichten sich, Gewissheiten bröckeln und Entscheidungen drängen. Jetzt entscheidet sich, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen – und ob es gelingt, Transformation konstruktiv zu gestalten.
    Der dritte Teil der Serie mit Eckard Christiani und Prof. Dr. Stephan Rammler widmet sich der Künstlichen Intelligenz: ihrem schnellen Vormarsch in alle Lebensbereiche – und den Fragen, wie wir sie demokratisch, gemeinwohlorientiert und europäisch souverän gestalten, damit Bildung, Arbeit, Wirtschaft und Demokratie gewinnen statt an Autonomie zu verlieren.

    Eine Serie von Eckard Christiani und Prof. Dr. Stephan Rammler in forum future economy. Teil 3 – erschien Dezember 2025

    Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt in zwei Geschwindigkeiten zugleich: sichtbar an der Oberfläche – und unbemerkt in der Tiefe. Ob Text, Bild, Code oder Planung: Algorithmen liefern in Sekunden, was früher Tage brauchte. Der eigentliche Umbruch geschieht aber dort, wo KI schrittweise Prozesse, Routinen und Bewertungsmaßstäbe formt: in Verwaltungen, Märkten, Medienlogiken, Schulen und Kliniken. Genau hier entscheidet sich, ob KI zum Werkzeug des Gemeinwohls wird – oder zum Hebel konzentrierter Macht.

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  • Goliaths Fluch

    Luke Kemp liefert in seinem neuen buch „Goliath’s Curse“ kein Endzeitdrama, sondern eine Anleitung für robuste Zivilisation: Herrschaft entsteht, wenn leicht greifbare Überschüsse – gestern Getreide, heute Daten – mit Statuswettbewerb und Institutionen zu Beutekartellen verschmelzen; daraus wachsen Ungleichheit und Fragilität. Kemp bündelt Archäologie, Anthropologie und Gegenwartsanalyse zu einem Zyklusmodell bis ins Plattformzeitalter. Die Konsequenz für Nachhaltigkeit: Zugriffe begrenzen, Überschüsse entwaffnen, Statuswettbewerb zivilisieren und Institutionen polyzentrisch stärken. Nicht Moralappelle, sondern Regeln, Infrastrukturen und Anreize, die Kooperation lohnend machen und Missbrauch verteuern – innerhalb planetarer Grenzen. Darin liegt die pragmatische Hoffnung dieses Buches.

    Von Eckard Christiani und Kai Lindemann

    Kemp beginnt nicht bei Königen, sondern bei Dingen, die sich zählen, lagern und besteuern lassen: zunächst Getreide, später Metalle. Bevor der Mensch sesshaft wurde, zog er mit Nahrung und Herden weiter. Es gab kaum Vorräte, die lange an einem Ort lagen. Nichts ließ sich dauerhaft greifen – weder für Räuber noch für Herrscher. Mit der Entstehung von Ackerbau und Dörfern änderte sich das Prinzip: Man erntete viel auf einmal, lagerte Getreide in Speichern und baute Überschüsse auf. Das ist bequem – macht aber auch erpressbar. Wer den Speicher kontrolliert, kontrolliert die Menschen: Er kann zählen, fordern und entziehen.

    Lese-Tipp: Luke Kemp, Goliath’s curse, The history and future of societal collapse, London 2025; Penguin

    An diesem Punkt entstehen Apparate des Zugriffs. Zuerst die Verwaltung: Jemand misst, wiegt und schreibt Listen. Wer hat wie viel, wer schuldet was? Darauf folgt die Erzählung, die rechtfertigt: Priester, Traditionen oder Gesetze, die erklären, warum Abgaben „sein müssen“. Schließlich die Durchsetzung: Wachen, Strafen und Armeen, die dafür sorgen, dass Regeln nicht bloße Worte sind. Aus Zählen, Begründen und Erzwingen wird eine Infrastruktur der Macht. Genau dieses Bündel nennt Kemp „Goliath“ – kein Schurkenstaat, sondern ein wiedererkennbares Geflecht aus Listen, Legenden und Lanzen.

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  • Trauma & Transformation: Die Fellow-Gruppe startet

    Warum wir erst heilen müssen, damit Wandel tragen kann – und wie wir das praktisch angehen.

    Manchmal fehlen in Debatten keine Argumente, sondern ein Boden, auf dem Argumente überhaupt wurzeln können. Genau dort setzt unsere neue Fellow-Gruppe beyond trauma an. Sie untersucht, wie individuelle und kollektive Verletzungen gesellschaftliche Veränderung bremsen – und wie sich Räume, Regeln und Rituale bauen lassen, die wieder Urteils-, Empathie- und Konfliktfähigkeit ermöglichen.

    von beyond new

    Worum es geht – und warum jetzt

    Wir leben in einer dichten Gegenwart: Krieg, Klimastress, Migration, digitale Beschleunigung, Ungleichheit. Diese Krisen schichten sich zur „Trauma-Matrix“: Verletzungen lagern sich in Körpern, Beziehungen, Debatten oder Institutionen ab – und erklären, warum Gesellschaften trotz Wissen und Technik immer wieder am gleichen Bremspunkt stehen.

    Unsere Grundannahme: Nicht Informationsmangel, sondern unverarbeitete Verletzung erzeugt einen Teil der kollektiven Handlungsunfähigkeit. Also braucht Transformation Räume, Rituale und Regeln, die Sicherheit, Gesehenwerden und Zugehörigkeit ermöglichen – bevor große Veränderungen greifen können.

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  • beyond economy: Start einer Fellow-Gruppe für die Wirtschaft nach dem „Weiter so“

    Kurz gesagt: Wir freuen uns riesig! Mit starken Fellows aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Bildung startete gestern bei beyond new – The Human Future Foundation das Projekt beyond economy. Unser Ziel: eine Wirtschaftsordnung entwerfen, die innerhalb planetarer Grenzen gerecht, widerstandsfähig und demokratisch funktioniert – und dafür konkrete Pfade, Regeln und Infrastrukturen beschreiben. Unser Nordstern heißt Resilienzökonomie: öffentliche Schutzgüter, Gemeingüter, regionale Kreisläufe, Prävention – und KI als Gemeingut-Infrastruktur, damit sich das Bessere rechnet.

    von beyond new

    Worum es geht – und warum jetzt

    Wir leben in einer dichten Gegenwart: ökologische Überlastung, soziale Fragmentierung, digitale Machtkonzentration und geopolitische Spannungen greifen ineinander. Gleichzeitig entstehen – gerade im Globalen Süden – erstmals breite Aufstiegschancen durch Elektrifizierung, Mobilität, Bildung, Gesundheit und digitale Vernetzung. Genau in dieser Spannung setzt beyond economy an.

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