Was beyond sein könnte – und warum Europa es noch nicht sieht
Essay von Eckard Christiani & Dirk Meyer
Malefiz kennen alle: Wer in diesem Brettspiel zuerst ans Ziel will, muss die weißen Blockadesteinchen der anderen aus dem Weg räumen. Der Name kommt vom Lateinischen maleficus – boshaft. Europas Spielfeld ist derzeit voller Blockadesteinchen.

Multiple Krisen verstellen nicht nur den Weg, sondern auch den Blick auf das Ziel. Die einschneidendste dieser Krisen ist die Klimakrise, deren Folgen alle Politikfelder durchdringen. Die These dieses Essays lautet:
Europas Antwort auf seine vielfältigen Probleme ist Europa selbst. Zugleich läuft es Gefahr, die richtigen Wege zum Ziel nicht zu finden – und sich in den verschiedenen Blockaden zu verlieren, die von innen wie von außen aufgestellt werden. Die Antwort liegt „beyond“ – weit jenseits dessen, was Europa bisher als Antworten gab. In diesen Monaten werden die Weichen gestellt: Wird Europa ein Gravitationszentrum der Hoffnung? Oder sucht es sich eine Ecke im Raubtierkäfig?
Erscheinungsebene und systemische Krisenstrukturen
Oberflächlich betrachtet ist Europa „über Nacht“ in eine multiple Krise geraten. Als Auslöser gelten der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 und der Kollaps der regelbasierten internationalen Ordnung seit dem zweiten Regierungsantritt Donald Trumps 2025. Seither, so heißt es, gebe es erstmals wieder Krieg in Europa. Die nach 1945 etablierte multilaterale Ordnung sei am Ende. Und Europa sehe sich einer hybriden Kriegsführung ausgesetzt, deren trojanische Pferde – Ungarn, Tschechien, die Slowakei, bald vielleicht Frankreich und Polen – die EU von innen aufbrechen.
Manches daran ist richtig, einiges falsch. In jedem Fall bleibt es verkürzt. Denn es verharrt auf der Erscheinungsebene und verstellt den Blick auf die Tiefenstrukturen einer systemischen Krise, die sich schon lange angebahnt hat.
Die systemischen Krisenstrukturen
Als Kernterritorium der liberalen Marktwirtschaft erlebte die EU – und besonders das wiedervereinigte Deutschland – nach dem Ende des Realsozialismus 1989/90 buchstäblich goldene Jahrzehnte. Neue Märkte öffneten sich, billige Arbeitskräfte und Energie aus Russland verhießen ein sorgenloses Dasein im „Ende der Geschichte“. Freihandel, neoliberale Globalisierung und ein stabiles transatlantisches Verhältnis bildeten das Fundament einer exportorientierten Volkswirtschaft wie der deutschen. Mit der Gründung der WTO 1995 und den großen Vereinbarungen zu Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Entwicklungspolitik 2015 schien die regelbasierte internationale Ordnung ihrem Höhepunkt zuzustreben.
Diese Zeit war keineswegs frei von Krieg und Krisen: Die Nachfolgekriege in der ehemaligen UdSSR und Jugoslawien, die Lehman-Pleite, der internationale islamistische Terrorismus – all das erschütterte die Welt. Und doch schien sie sich unter westlicher Führung den planetaren Herausforderungen anzunehmen. Die disruptive Kraft der Digitalisierung galt als beherrschbar. Techgiganten gaben sich nachhaltig. Der Begriff der sozial-ökologischen Transformation bot eine Matrix, mit der der globale Kapitalismus umbaubar schien.
Heute klingt das wie ein Märchen aus vergangenen Zeiten. Und es war eines. Denn diese Erzählung blendet die langen Linien aus, die in die multiplen Krisen der Gegenwart geführt haben. Sie verschweigt die Agenda 2010 und ihre gesellschaftlichen Achsenverschiebungen, die neoliberale Auflösung der Eurokrise, die wachsende soziale Ungleichheit. In dieser scheinbar goldenen Zeit gab es Ereignisse, die heute wie Wetterleuchten vor dem Sturm gelesen werden müssen.
Der globale Aufstieg des autoritären Nationalradikalismus
Der Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien begann – in Europa. Front National inFrankreich, FPÖ inÖsterreich, PiS inPolen, Wahre Finnen inHelsinki, nach einiger Latenz dieAfD in Deutschland. Der Brexit war die realpolitische Übersetzung dieses Nationalradikalismus. Heute schickt sich Reform UK von Nigel Farrage an, das stabilisierende britische Mehrheitswahlrecht aus den Angeln zu heben.
Das politische Grundmuster hat sich längst globalisiert, liberale Demokratien ausgehöhlt, Regierungen übernommen und Länder an demokratische Kipppunkte geführt. Inzwischen lebt die Mehrheit der Menschen weltweit in autoritären, hybriden oder demokratisch defekten Systemen – und vielfach waren es Wahlen, keine Putsche, die das herbeiführten.

Die Wahlforschung belegt: Vor allem Abstiegsängste (oder blockierte Aufstiege) treiben nationalradikales Wahlverhalten. Traditionellen Parteien – vor allem der Sozialdemokratie – wird nicht mehr zugetraut, reale oder erwartete soziale Abstiege aufzuhalten, geschweige denn Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Der Siegeszug des autoritären Nationalradikalismus hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, wie Wahlsiege in Mittel- und Südamerika zeigen.
Die USA sind das prägnanteste Beispiel für dieses schlafwandlerische Abgleiten in den Autoritarismus – ein Weg, der bis zur Tea-Party-Bewegung 2009 zurückreicht. Der erste Wahlsieg Trumps hätte warnen müssen. Der Sturm auf das Kapitol hätte alarmieren müssen. Das öffentlich zugängliche Project 2025 hätte alle aufschrecken müssen. Stattdessen schickten die Demokraten mit dem altersschwachen Joe Biden einen Kandidaten ins Rennen. Seit 2025 wird Project 2025 konsequent umgesetzt.
Mit den USA steht nun der bisherige Hegemon des Westens – militärisch gerüstet und entschlossen – an der Spitze jener Kräfte, die Demokratie und Liberalität bekämpfen. Die verstörend jubelnden europäischen Eliten nach Marco Rubios Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2026, die Unterwerfungsgesten des NATO-Chefs und des Bundeskanzlers gegenüber Trump – sie zeigen: Zu viele Führende in Europa weigern sich noch immer, das Ende der alten Ordnung anzuerkennen. Die USA sind zum Rollenmodell eines westlichen autoritären Nationalradikalismus geworden und wenden sich aggressiv gegen Europa – öffentlich, nachlesbar in der neuen amerikanischen Sicherheitsstrategie und der dahinterliegenden Donroe-Doktrin, die Grenzen infrage stellt (Grönland), das Völkerrecht ignoriert (Kidnapping von Staatschef Nikolas Maduro, der Angriffskrieg gegen den Iran, die Ölblockade Kubas), rechtsextreme Parteien in europäischen Demokratien finanziert und multilaterale Institutionen aushöhlt.
Diese Fahrlässigkeit hat Europa kopflos gemacht. Sie hat den Kontinent zum Randdarsteller der internationalen Agenda degradiert – und die Besatzungen in den trojanischen Pferden frohlocken lassen.
Die Zangenkrisen des Kapitalismus
Wenn der globale Trend seit Jahren Richtung autoritärem Nationalradikalismus weist – als Reflex auf massive Abstiegsängste –, dann fragt sich: Was ist die materielle Basis dieser Entwicklung? Die Antwort führt zu den systemischen Krisen des Kapitalismus selbst. Der Soziologe Klaus Dörre nennt es treffend: die ökonomisch-ökologische Zangenkrise mit lebensbedrohlichem Gefahrenpotential.
Drei Krisenelemente greifen ineinander:
Erstens: Das Ende des Realsozialismus ermöglichte zunächst kapitalistische Landnahmen in Mittel- und Osteuropa. Doch die neoliberale Ordnung und der globale Standortwettbewerb erodierten die Spielräume europäischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der Aufstieg Chinas – zunächst zur Werkbank der Welt, dann zum technologischen Konkurrenten – beendete Stück für Stück den westlichen Klassenkompromiss der Nachkriegszeit. Der schleichende Niedergang sozialdemokratischer Parteien begann hier. Neoliberale Anpassungsversuche wie die Agenda 2010 beschleunigten ihn.
Zweitens: Die digitale Transformation verlief parallel dazu und mit wachsender Wucht. Branche um Branche verlor ihr Geschäftsmodell. Heute greifen die Technologiesprünge der Künstlichen Intelligenz nach industriellen, administrativen, medialen, militärischen und rechtlichen Sektoren zugleich. Was noch vor kurzem als subversive Hyperdemokratisierung galt, hat sich in ein historisch einzigartiges Machtgefüge verwandelt: die Allianz von Tech-Oligarchie und autoritärer Politik, verkörpert in der Partnerschaft zwischen Elon Musk, Peter Thiel und Donald Trump. KI wird zur Waffe im Kampf der Großmächte. Science-Fiction ist zur Live-Berichterstattung geworden. Und Abstiegsängste reichen nun bis tief in die akademischen Mittelschichten: Auch hier entwertet KI menschliche Arbeit.
Drittens: Das Erreichen der planetären Grenzen bildet die andere Backe der Zange. Wo kapitalistischer Wachstumszwang die eigenen ökologischen Grundlagen zerstört, gibt es zwei Auswege: die Flucht ins All, wie Elon Musk propagiert – oder den Versuch, den Kapitalismus ökologisch einzuhegen. Letzteres war der Bauplan der sozial-ökologischen Transformation, wie sie Europa seit gut einem Jahrzehnt versucht. Doch inzwischen steckt sie in einer tiefen Legitimationskrise. CO₂-Emissionen steigen weiter. Der Ausbau der KI-Infrastrukturen wird den Energiehunger exponentiell erhöhen. Und die Transformation selbst produziert neue Abstiegsängste – etwa in der Automobilindustrie, die mit dem elektrifizierten Auto weit weniger Arbeitskräfte braucht.
Zusammengefasst: Gleich mehrere Krisenfaktoren setzen den Kapitalismus unter systemischen Druck. Seine bisherigen demokratischen Regulationsregime werden infrage gestellt oder sind bereits in autoritärem Nationalradikalismus aufgegangen. Mit den USA beschleunigt nun der ehemalige Hegemon diese gefährliche Dynamik. Im Zentrum des Sturmes steht Europa.
Europa im Zentrum des Sturmes – Quo vadis?
So wichtig der Blick auf die USA ist – mindestens ebenso wichtig ist der Blick nach Fernost. China erhöht den Druck auf Europa aus unerwarteter Richtung und macht deutlich: Dieser Kontinent steht von mehreren Seiten im Sturm.
Wider das arrogante Phlegma europäischer Forschungseinrichtungen holt China technologisch auf – und zwar genau dort, wo das Geschäftsmodell der europäischen Transformation erwartet worden war. Wenn heute formidable Elektroautos aus chinesischer Produktion europäische Märkte überschwemmen, dann sind das Ausweichbewegungen durch fehlende Marktzugänge in Nordamerika. Brisanter ist: Sie können überschwemmen, weil sie häufig technologisch überlegen und günstiger sind als ihre deutschen und französischen Konkurrenten. Auch bei KI-Sprachmodellen und Hochleistungschips hat der amerikanische Handelskrieg Chinas technologischen Vormarsch nicht stoppen können.
Damit zerplatzt die europäische Hoffnung, mit einem grünen Technologievorsprung dauerhaft konkurrenzfähig und überlegen zu bleiben. Die Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Konzernen auf der einen Seite, der verlorene Vorsprung gegenüber China auf der anderen – die Zauberformel Green Capitalism – Made in Europe existiert nicht mehr. Industrien und ihre Wertschöpfungsketten schmelzen dahin. Der Kaiser scheint nackt.
Der autoritäre Nationalradikalismus verwandelt die erhoffte grüne in eine braune – oder blaue – Transformation. Beim ersten Ansturm ist die vermeintlich transformative Hegemonie in sich zusammengefallen. Wahlen gewinnt heute , wer Ausstiege aus dem fossilen Ausstieg vorschlägt. Europas Green Deal ist Geschichte. Klimaschutzgesetze werden kassiert. Wie eine Armee auf dem Rückzug wird Haltelinie um Haltelinie gezogen – und aufgegeben.
Im Kriegsgetöse östlich (Ukraine), südlich (Iran), nördlich (Grönland) und westlich (USA) der EU wird das Heil im Rüstungskeynesianismus gesucht. Jeder Versuch, die finanziell umfangreichen Empfehlungen des Draghi-Berichts anzugehen, zerschellt an Einzelstaaten. Der Verzicht auf Gemeinschaftsschulden für die nötigen Investitionen spricht deutsch. Die Ablehnung ausländischer Fachkräfte spricht italienisch, französisch und deutsch zugleich.
Wo China auf die digital-ökologische Zukunft setzt und Russland ebenso wie die USA auf fossile Renaissancen, weiß Europa nicht mehr, wohin es will – oder wohin es kann.
Europas Versuch, den ökologischen Wüsteneien des Kapitalismus Einhalt zu gebieten – in einem großen, technologisch starken Markt –, bleibt jedoch im Angesicht fossil entfesselter Raubtiere in West und Ost ein zukunftsweisender Politikentwurf. Er löst die systemische Krise nicht. Aber er verlangsamt sie. Und alles, was das dystopische Voranschreiten der planetaren Krise verlangsamt, gibt dem „Beyond“ Raum, sich zu entfalten. Diesen Raum gibt es derzeit nicht in den USA, nicht in Russland, nicht in Lateinamerika, nicht in China, nicht in Afrika.
Diesen Raum gibt es noch in Europa. Aber wie lange noch – und wie wirkungsvoll? Das entscheidet sich in diesen Monaten, vielleicht wenigen Jahren.
Dabei zeichnen sich zwei denkbare Varianten ab, paradigmatisch ablesbar an zwei Reden aus jüngster Zeit.
Mehr Carney oder mehr von der Leyen?
Die Gretchenfrage Europas
Während Mark Carney zu Beginn des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum inDavos die Union der Mittelmächte zum Modell der Zukunft erklärt hat, rief EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im März 2026 dazu auf, Europa selbst zur Großmacht zu machen – zum guten unter den bösen Raubtieren, wenn man so will. Genau diese Entscheidung wird Europa bald treffen müssen. Hier liegt sein Kipppunkt.
Von der Leyens Vision: Europa als Großmacht
In von der Leyens Weltbild folgt die internationale Ordnung keinen Normen mehr, sondern harter Machtlogik. Europa müsse sich deshalb von Konsens- und Kompromisssuche verabschieden – das sei ein Hindernis auf dem Weg zum geopolitischen Akteur. Stattdessen: realistische, interessengeleitete Außenpolitik. Ihre Interessen definiert sie klar: „Unseren Markt, unsere Handelsreichweite, unsere wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Hebel.“ Und: „Wir müssen bereit sein, unsere Macht selbstbewusster einzusetzen.“
Zieht man den üblichen eurozentristischen Eigenlobhudeleien den Stecker, reduziert sich von der Leyens Vision auf einen einzigen Satz: Europa wird Großmacht. Der nachhaltige Green Deal, die freiheitlichen Werte, die Partnerschaften auf Augenhöhe, die Verantwortung für den Multilateralismus – von all dem bleibt nichts. Europa sucht sich seinen Platz im Raubtierkäfig.
Carneys Vision:
Europa als Gravitationszentrum der Mittelemächte
Von der Leyens Rede vom März 2026 antwortet auf Mark Carneys Davoser Rede vom 25. Januar 2026. Man muss sie als Gegenentwurf lesen.

Carney ist kein Träumer. Als ehemaliger Zentralbankchef und kanadischer Premier weiß er, was veränderte Realitäten bedeuten. Aber er kommt zu anderen Schlüssen. Seine erste Feststellung, in entwaffnender Offenheit: Die regelbasierte Ordnung hat vor allem den Industriestaaten genützt, war asymmetrisch, vertraute auf den Hegemon USA – „Und das ist jetzt vorbei.“
Den Schluss daraus zu ziehen, nun primär eigene Machtinteressen zu verfolgen, hält er für fatal. Es würde die Welt „ärmer, fragiler und weniger nachhaltig“ machen. Klug sei hingegen „klassisches Risikomanagement“ – teuer zwar, aber die Kosten ließen sich senken, indem man sie mit Gleichgesinnten teile. Statt Mauern zu bauen, könne man etwas „Ambitioniertes“ tun: „Um globale Probleme zu lösen, verfolgen wir variable Geometrie – unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Themen, basierend auf gemeinsamen Werten und Interessen.“
Sein viel zitierter Kernsatz: „Mittlere Mächte müssen gemeinsam handeln. Denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte. In einer Welt der Großmachtkonkurrenz haben die Länder dazwischen eine Wahl: Entweder sie konkurrieren miteinander um die Gunst. Oder sie schließen sich zusammen, um einen dritten Weg mit Wirkung zu schaffen.“
Carney betrachtet den Bruch der alten Ordnung nicht als Schicksal und hegt keine Nostalgie. Das nun Mögliche ist für ihn aber das Gegenteil von von der Leyens Großmachtvision: „Wir glauben, dass wir aus dem Bruch etwas Größeres, Besseres, Stärkeres und Gerechteres aufbauen können. Das ist die Aufgabe der mittleren Mächte.“
Carneys Rede gelingt gleich mehrere Wendungen nach vorn: Er gibt den Kritikern des Globalen Südens recht – er räumt ein, Profiteur einer ungleichen Ordnung gewesen zu sein. Er reicht damit die Hand zu einer anderen Art globaler Kooperation. Er verbindet den Untergang des Alten mit der Gestaltbarkeit des Neuen – und knüpft das Neue nicht an Macht, sondern an Kooperation. Mit dem Begriff des Risikomanagements öffnet er Wege zu einer defensiv ausgerichteten Sicherheitspolitik. Mit der Matrix flexibler Geometrie verhindert er die Herausbildung starrer Freund-Feind-Schemata.
Vor diesem Hintergrund ist Carneys Modell beyond: beyond der Großmachtphantasien von der Leyens, beyond einengender Machtarchitekturen, beyond einer auf sich selbst bezogenen Politik, die die planetären Krisen ausblendet.
Und doch: Auch Carney bleibt auf halber Treppe stehen. Eine binnenwirtschaftliche, nachhaltige Einhegung des Kapitalismus ist ein wichtiger Schritt. Aber dem Wertgesetz des Kapitalismus entzieht er sich damit nicht. Immerhin kann er fatale neue Landnahmen verhindern, Luft verschaffen – und die Zeit, die es braucht, um weiter zu denken.
Pinselstriche für ein neues Europa
Wer sagt, was nicht sein soll, muss sagen, was sein soll. Sonst bleibt alles, wie es ist – und das ist derzeit dystopisch. Erst eine Vision verschafft Gefolgschaft, weil sie Energien des Zukünftigen freisetzt.
Die globalen Trumpisten sagen ohne Umschweife, was sie wollen. Was aber ist die Antwort des progressiven politischen Spektrums? Hier einige Angebote jenseits des Mainstreams.
Macht des Friedens
Europa und seine Partner der Mittelmächte sind wehrhaft – aber nicht aggressiv. Um nicht in schuldenfinanzierten Aufrüstungen falsche Allokationen bei Finanz- und Humanressourcen zu setzen, um nicht in babylonischer militärtechnologischer Abhängigkeit von den USA zu bleiben, um nicht den kriegstreibenden Sachzwängen des Rüstungskeynesianismus zu erliegen, investieren die Europäer gemeinsam in eine moderne, konsequent defensiv ausgerichtete Armee. Eine Armee, die jedem potentiellen Aggressor die Lust an Bedrohung und Erpressung nimmt.
Das Sicherheitsdilemma bildet zugleich die Basis für eine neue Europäische Sicherheitsarchitektur: Renaissance der Diplomatie, vertrauensbildende Maßnahmen, Abrüstung und Rüstungsbegrenzung, gestärkte krisenentschärfende Institutionen, neue Kooperationsstrukturen von gemeinsamem Nutzen. Diese Macht des Friedens ist nicht naiv. Sie ist wehrhaft – und von dieser Basis aus souverän und konsequent kooperativ. Nicht Kriegs-, sondern Friedenstüchtigkeit ist der Maßstab allen Handelns.
Selbst wenn ein defensiv ausgerichtetes Militär kurzfristig finanziellen Aufwand bedeutet: Es liegt weit unterhalb der derzeitigen und geplanten Summen aus Bundeshaushalt und Sondervermögen. Ressourcen werden frei. In dieser Welt braucht man dann nicht zwei neue Jagdflugzeuge – ein französisches und ein deutsches –, sondern ein EU-gemeinschaftliches. Den krisenverschlimmernden Pfad in den Rüstungskeynesianismus stoppt diese Vision – und damit eine brandgefährliche Scheinlösung.
Macht des Wirtschaftens in planetaren Grenzen
Der Weg aus dem fossil basierten Kapitalismus bleibt conditio sine qua non für ein neues Europa. Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung schwächt dystopische Zukünfte ab. Jeder Cent in die Anpassung unserer Lebensweise an den unausweichlichen Klimawandel ist gut investiert – sofern er den Bedürfnissen der Menschen dient und nicht neuen kapitalistischen Landnahmen.
Zugleich steckt der bisherige Transformationspfad in einer tiefen Legitimationskrise. Die daraus resultierenden Abstiegsängste sind einer der Nährböden für den wachsenden globalen Rechtsextremismus. Hier ist ein beyond dringend geboten.
Dieses beyond muss dem Kapitalismus Bereiche entziehen, die aufgrund seiner inneren Logik niemals nachhaltig sein und niemals innerhalb der planetaren Grenzen bleiben können. Ein zentraler Bereich: die Infrastrukturen der öffentlichen Daseinsfürsorge – Straßen, Schienen, Transportwege, Energienetze, städtischer Wohnraum, soziale und digitale Infrastrukturen. Verbleiben sie in kapitalistischen Verwertungslogiken, setzen sie falsche Anreize, bringen dysfunktionale Netzabdeckungen hervor, vertiefen globale Abhängigkeiten, zerstören demokratische Öffentlichkeit und vertiefen soziale Ungleichheiten.
Wir brauchen eine neue demokratische Regulation für eine stark gemischte Wirtschaft, die innerhalb planetarer Grenzen wirkt – binnenwirtschaftlich ausgerichtet, paritätisch mitbestimmt, nicht länger dem untergegangenen neoliberalen Freihandelsregime verpflichtet.
Das Verflüssigen des Politischen von rechts ist auch eine Chance: das Thema von links neu zu denken, anzuerkennen, dass Transformation als Turbo der Ungleichheit im Aufstieg rechter Autoritarismen endet – und den Kapitalismus in relevanten Bereichen konsequent zu begrenzen.
Macht der Gleichheit
Thomas Piketty hat in seiner Geschichte der Ungleichheit eindrücklich gezeigt: Mehr Gleichheit setzt mehr schöpferische Energie frei als Ungleichheit. Neben einer neuen Regulation des politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Systems wird es ohne eine Neujustierung des Sozialvertrages nicht gehen.
Das progressive Europa setzt auf mehr Gleichheit. Nicht weil es ein schöner Gedanke ist – sondern weil es am Ende allen nützt. Und weil ohne Gleichheit keine Transformation möglich ist.
Macht der Partnerschaften und Kooperationen
Das neue Europa agiert global nicht als vierte Weltmacht, sondern als kooperative Mittelmacht. Es ist stark, weil es sich verbündet. Es hat natürliche Partner, die als einzelne zu schwach wären, um nicht als Speise auf dem Tisch der Raubtierstaaten zu enden.
Dieses neue Europa weiß um seine historischen Fehler. Es beutet nicht abermals die Länder des Globalen Südens aus – diesmal wegen der Nachhaltigkeitsrohstoffe. Im Gegenteil: Es macht sie stark, weil es selbst ein Interesse daran hat, im Bündnis der Mittelmächte den Raubtieren Paroli bieten zu können.
Es sucht Allianzen, weiß, dass je nach Thema und Herausforderung unterschiedliche Gruppen von Gleichgesinnten gefragt sind. Die Union der Mittelmächte schafft tatsächlich gemeinsame Wirtschaftsräume – und die vertragen keine extraktiven Ausbeuteverhältnisse. China ist in Sachen Klimaschutz eher Partner als Gegner. Neue multilaterale Institutionen, die diese Union tragen, sind zu entwickeln.
Ist das Utopie?
Dieses beyond klingt utopischer, als es ist. Es ist keine Weltrevolution. Es strebt nach mehr und anderer Souveränität, sammelt Unterstützung bei Gleichgesinnten, will nicht mehr sein als es ist – und will verhindern, mindestens abschwächen, was als Klimakrise das menschliche Zusammenleben grundsätzlich verändern wird.
Manches davon ist bereits in der EU angelegt. Zu wenig verknüpft. Im Konflikt mit der grundsätzlichen Ausrichtung. Vieles ringt mit machtpolitischen Versuchungen.
Europa steht auf der Kippe. Es kann ein neues beyond werden – oder ein Appendix der großen Dystopie. Noch gilt: Eine andere Welt ist möglich. Die Arbeit daran beginnt jetzt. Ihr Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass alles fluid ist – dass es sich nicht lohnt, Haltelinie um Haltelinie aufzustellen und wieder aufzugeben. Hat dieser Switch stattgefunden, öffnet sich das Denken für das beyond.
Darum geht es dieser Stiftung, der beyond new – The Human Future Foundationund der Sektion beyond economy lab.Wir wollen Malefizsteine einsammeln – und gemeinsame Wege zu neuen Zielen finden.

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